Die Trägheit
Mallorcas
Der Weg nach Sóller enthält 57 Haarnadelkurven. Ich habe sie alle
57 genossen. Ich hatte jedoch feierlich geschworen diesen Urlaub nichts zu tun,
nichts zu unternehmen. Bloß ein wenig am Rande des Schwimmbads unseres
Hotels herumzuhängen. Ein Wenig zu sitzen, ein Wenig zu lesen, ganz locker.
Aber nach 5 Tagen bricht mein Wille. Ich übe Verrat an meinem Vorsatz. Der
Drang neue Abenteuer zu erleben ist zu groß, das Bedürfnis, die Insel
wieder zu sehen hält an. Schließlich ist dieses Mallorca von Hirten
urbar gemacht worden in 4000 v. Chr., später von der Talayotkultur gebildet,
dann die Carthager, darauf die Römer. Nach einigen Jahrhunderten von Plünderungen
und Zerstörungen von ganz Europa aus, kamen im 8. Jahrhundert die Mauren.
Sie blieben während 300 Jahren und brachten Ruhe, Wohlstand und Kultur.
Die jetzige Bewässerungsanlage stammt aus jener Zeit. Neben all dem Rest.
Denke nur an die Dachziegel. Maurische Dachziegel. Von diesen runden, die so
schön übereinander liegen, um und um. Jedoch, der König von Aragon
schlug und verjagte die Mauren, wonach erneut eine Periode entstand, in der die
verschiedenen Partien die Macht ergreifen wollten. Ab 1480 wurden die Balearen
eine spanische Provinz. Und dann sollte ich am Schwimmbad sitzen bleiben?
Also, Auto gemietet, Karten gekauft und auf zur anderen Seite der Insel, nach
Sóller, einem großen Dorf oder einer kleinen Stadt von 12.500 Einwohnern.
Sóller liegt zwischen den höchsten Bergen der Insel, in einem Tal.
Wenn man da gelangen will, muss man sowieso über die Berge. Vor zwei Jahren
hat Sóller mein Herz geraubt. Es gibt von diesen ‚’Raub-Momenten’ die
unerklärlich sind. Das war auch der Fall mit meinem ’Herz-Raub-Moment’ in
Sóller. Natürlich gelangt das Bewusstsein dieses Gefühls erst
viel später an die Wirklichkeit. Beim Sehen eines Fotos zum Beispiel. Bei
mir war es die Abbildung der spitzen Türme der Kirche von Sant Bartomeu.
Es gehört kein großes Ereignis dazu oder keine Aufsehen erregende
Erinnerung. Nur ein Platz, das Plaça Constitució, worauf man wenig
Anderes unternehmen kann als auf einer Terrasse sitzen und die Atmosphäre
und die Sonne genießen. Aber es gibt auch wenig Grund diesen Platz mit
verschiedenen Tapas-Bars, hervorragenden Konditoreien, selbst hergestelltem Eis
und frisch gepresstem Orangensaft zu verlassen. Man beobachtet den Straßenkehrer
oder man hält Ausschau nach der Ankunft des weltberühmten Zuges aus
Palma, dem 'Roten Blitz’, den ich als eine der besseren 'RailAway-Sendungen’ in
mein Herz geschlossen habe. (Jeder Mensch kennt seine schwächeren Augenblicke).
Sóller muss einmal reich gewesen sein, das erkennt man an der Architektur,
an dem Entwurf der Banco Central Hispana, an dem Giebel des gegenwärtig
verlassenen Kinosaales Alcazar und an den zwei noch existierenden Museen. Wenn
ich 70 Jahre alt werde, komme ich hierhin, um zu erforschen, wann das alles gewesen
sein muss; jetzt begreife ich bereits aus den ausgedehnten Orangenplantagen in
der Umgebung, dass es wegen der Fruchtbarkeit des Tales gekommen sein muss.
Über Literatur
Ich will in den botanischen Garten, aber die Kinder weigern sich. Dann bloß ins
Eiscafé auf dem Plaça Constituciòn. Zweiundvierzig Sorten
frisch gemachtes Eis, mit den schönsten poetischen Namen. Wenn ich je ein
Eiscafé beginne, dann werde ich dem Eis auch Namen geben: 'Boote
aus Venedig’, 'Bäume aus Logrono’, 'Felsenfarben
von Safranga’...
Neben dem Eisgeschäft liegt die lokale Libreria, wo mir wieder auffällt,
wie sehr die Spanier Bücher lieben. Die verschiedenen literarischen Serien,
die hier ausgestellt liegen, mit den herrlichsten Umschlägen und der feinsten
Typografie, machen einen beschämt, dass man die Sprache nicht besser kann.
Was wäre es herrlich, wenn man diese große Literatur problemlos zu
sich nehmen könnte, mit einem solchen Buch in der Straßenbahn, oder
auf einer Bank in einem Park. Bei meinem vorigen Besuch, kaufte ich hier das
Buch Ein Winter auf Mallorca von der Autorin George Sand (1804-1876) auf Französisch
zwar. Diese Sand hat etwa hundert Romane, vierzig Schauspiele und eine Autobiografie
geschrieben und führte einen ausführlichen Briefwechsel mit Balzac
und Flaubert. Sie wuchs zu einem Mythos heraus durch ihre Erscheinung in den
berühmten intellektuellen Salons Europas. Meistens war sie wie ein Mann
gekleidet und rauchte wie ein Schlot.
Dostojewski, Turgenjew, Hugo und Heine haben sie gerühmt. Große Künstler
wie Delacroix und Liszt wohnten in ihrem Landhaus, sie gab in Paris Diners, wo
Taine, Renan, Saint-Beuve und die Brüder Goncourt gerngesehene Gäste
waren. In einer Zeit, worin Frauen kein einziges Recht vergönnt war, war
sie ein Vorbild der Freiheit und Unabhängigkeit. In diesem Buch beschreibt
sie ihren Aufenthalt im Winter von 1838/1839 auf der Insel Mallorca zusammen
mit Frederic Chopin, mit dem sie in einer Liebesbeziehung stand. Chopin war damals
schon sehr krank, er litt an Tuberkulose. Sie hielten sich zusammen in ein paar
Zellen in einem Kloster zu Valldemossa auf, wo sie an ihrer geheimen Beziehung
arbeiten wollten, Sand war ja verheiratet und hatte zwei Kinder. Während
der 11 folgenden Jahre hat Sand Frederic Chopin versorgt, was ein total anderes
Licht auf diese weltliche Frau wirft.
Die Suche
Auf Mallorca gab Chopin sich einen Urlaubsauftrag, nämlich das Vollenden
der Preludenreihe in allen Tonarten, ein Projekt, womit er schon vor ein paar
Jahren angefangen hatte. Sein großes Vorbild hierzu war das Wohltemperierte
Klavier, das Meisterwerk von Johann Sebastian Bach, worin dieser als einer der
ersten Komponisten alle Tonarten beleuchtet. George Sand erzählte, dass
Chopin in der Periode in der er an seiner 15. Prelude arbeitete, einmal träumte,
dass er ertrank, während eiskalte Regentropfen auf seinen Körper fielen.
Als Georg Sand sagte, dass sie das in der Prelude hören konnte, reagierte
Chopin irritiert, denn er mochte absolut keine Geschichten bei seiner Musik,
aber seine Prelude in Des-Dur, op. 28, Nr. 15 ist jetzt noch bekannt unter dem
Zunamen 'Regentropfen’. Wie ist es möglich, dass ein so bedeutender
Komponist, der der Welt einen ihrer wichtigsten musikalischen Kunstschätze
besorgt hat, hier in den Führern mit einem Foto von dem Klavier abgebildet
wird, woran er gearbeitet hat, wo auf der Tastatur eine – täglich
frische – rote Rose ausgelegt wird? Warum sind wir als Menschen, nicht
im Stande unsere großen Lehrmeister auf erhabenere Weise zu ehren und uns
ihrer zu gedenken?
So ist der Zeitkreis wahrscheinlich wieder rund und geschlossen. Eine Frau, die
nicht aussah wie eine Frau, sondern einem Mann ähnlich war; ein Mann, der
als Komponist und Klavierspieler schon weltberühmt war, aber so kränklich,
dass er als Mensch gebrochen war; ein Liebespaar, das nicht mehr harmonierte
mit den damals üblichen Sitten und Bräuchen und schließlich ein
wackeliges Klavier als hinterlassene historische Kulisse – als einzige
was konkret übrig bleibt – worin nichts von der Musik des Komponisten
zu erkennen ist.
Ich habe das Buch von Sand damals in einem Zug zu Ende gelesen. Sie reagierte
ihren furiosen Hass gegen die Außenwelt – für die sie und Chopin
ihre Liebe verborgen halten mussten – ab, indem sie die einheimische Bevölkerung
von Mallorca als Wilde und Bestien schilderte. Die finden es bis an den heutigen
Tag wunderbar und verkaufen den Touristen die Geschichte eifrig.
Im Besonderen dem Touristen, der auf der Suche ist nach dem Mallorca von Chopin,
einer Insel so schön, wie George Sand es beschrieb, wie kein Dichter oder
Maler sie hätte kreieren können; auf der Suche nach dem anderen Mallorca,
dieser Großen Unbekannten, die Chopin im 19. Jahrhundert so in ihrem Bann
hielt, einem Mallorca, das sich seitdem nicht verändert haben sollte. Ein
authentisches Paradies, wo fast keine Menschen leben, ohne Hotels, Erholungszentren
oder belebte Strände. Nur Natur, Meeresbuchten und Bäume. Blumen, Vögel
und kleine Dörfer. Landschaften einer solchen großen Schönheit,
dass niemand unberührt bleiben kann. So sagt es der Touristenführer.
Das 'Bienvenido a Mallorca’, das in Kodachrom gedruckt wird und prätendiert
die wahre Atmosphäre der Insel wiederzugeben. Die Hitze, die die Luft bewegt,
das Weiß, welches die Wände zittern lässt, die Sonne, die das
Meer leben lässt, die Farben die die Insel bilden. Aber glaub mir, man kann
es da finden.
Ich gehe aus dem Büchergeschäft und werde gerührt von der irdischen
Anwesenheit der alten Platanen auf dem Platz, zwischen denen Dutzende von Touristen
in kurzen Hosen und Sonnenschutzcreme herumspazieren, gerade aus Palma angekommen,
wie auf einer Pilgrimsfahrt. Ruhelos herumspazierend, als ob sie selber nicht
recht wüssten, wonach sie eigentlich auf der Suche sind. Die rote Straßenbahn
wartet. Die Straßenbahn zum kleinen Hafen, Port Sóller. Später
auf unserem Weg weiterziehend, werden wir von der hohen Bergstraße aus,
den kleinen Hafen ganz tief unten liegen sehen können.
Der Weg
Es hat etwas Merkwürdiges auf sich mit dieser Straße, der C-710.
Sie läuft die ganze Nordküste der Insel entlang, die eine große
Gebirgskette ist. Mehr als 1000 Quadratkilometer groß. Sóller liegt
ungefähr in der Mitte, zwischen Bergen von 1100 bis 1200 Meter hoch, mit
als höchstem der Puig Major von 1445 Metern Höhe. Ein Wenig Berg in
der Schweiz ist schon höher werden Sie sagen und das ist auch so; nur haben
diese nicht das Meer direkt neben sich. Hier sieht man all diese 1445 Meter,
die eins nach dem anderen emporragen. Zuerst als Felsen aus den Wellen, dann
als Berghang mit Pinien und Gräsern, um dann über der Baumgrenze wieder
als Felsen zu enden, mit hier und dort einem Gras oder vertrockneter Pflanze.
Über der ganzen Länge des Bergmassivs, mit dem unberührten Namen
Serra de Tramuntana geht unser Weg von Punkt nach Punkt, von Westen nach Osten,
von Cap des Llamp nach Cap de Formentor.
Das Merkwürdige dieses Weges ist nicht, dass man die Haarnadelkurven nicht
zählen kann oder dass sie nur steigt und sinkt. Das Eigenartige ist auch
nicht, dass er nur Kulturhöhepunkte mit einander verbindet, worüber
gleich mehr; das Seltsame ist, dass dieser Weg als fremdländisches Element
in der Landschaft liegt. Er liegt ungefähr 15 Zentimeter höher als
die beiden Straßenränder, die größtenteils aus Mauern,
Gitterwerk oder Stacheldraht bestehen. Das sagt zweierlei: erstens, dass der
Autofahrer sein Fahrzeug nirgendwo parken kann, außer an einigen festen
Plätzen. Zweitens, dass das Land, wodurch der Weg sich wie ein Korridor
schlängelt, Eigentum der Schafe ist, der Rehe und der Gemsen. Wie oft stießen
wir in unserem Auto nicht den Schrei aus: "Sieh da mal!" Als wieder
eine atemberaubende Aussicht zu sehen war, eine Gemse oder ein Schaf den Berghang
hinunterging und mitten auf dem Weg stand oder das Meer zwischen den sich windenden
Kieferstämmen unten in der Tiefe glitzerte. Leider kann nie angehalten werden,
es sei denn mitten auf dem Weg, was meistens Probleme gibt mit anderen Mallorcautofahrern.
Nach einigen Dutzenden von Kilometern bringt diese Art von Reisen ein sehr eigenartiges
Gefühl, zumal die Plätze, wo das Auto wohl angehalten werden kann sorgfältig
angegeben worden sind und sogar mit Verkehrsschildern versehen sind mit darauf
eine Fotokamera abgebildet. Dann ist der Spaß natürlich bald vorbei
und an diesen Plätzen sieht man denn auch niemand mit einer Fotokamera in
der Hand, das Risiko vorbeugend zuhause vom Nachbarn ausgelacht zu werden, der
das gleiche Foto hervorzaubert.
Aber was für ein Weg! Der Wallfahrtsort von Lluc, der Staudamm von Gorg
Blau, die Kirche von Escorca, die Stadt Pollença mit ihren zwei Klostern,
mit ihrer römischen Brücke und ihrem Hafen, sie liegen alle als Perlen
an der Wegkette, wie bei einem Paternoster. Am Ende wird der Weg in eine einfache
Landstraße übergehen, die endet beim Leuchtturm von Formentor. Das
Ende der Zivilisation, wo der Touristenstrom umkehren muss, wie nach einer Pilgerfahrt.
Dort wo das Land sich in den Bewegungen des Meeres auflöst und wo der Mensch
mit seinen Gedanken alleine sitzen kann. Es ist schön, um dort eine Weile
abgesondert herumzuirren zwischen den Felsbrocken und was trägem Pflanzenwuchs.
Das Wort Pilger geistert immerfort durch meinen Kopf und in allen Tonarten,
die ich finden kann: pilgerin, pilgerim, piligrim. Schöne Wörter, die
im Geist herumschweifen und sich vermischen mit einem alten Lied vom Cirque du
Soleil. Anlass ist der Besuch am Kloster von Lluc für dieses Herumsingen
in meinem Kopf. Das Klostergebäude mit seiner strengen Architektur machte
einen tiefen Eindruck auf mich. Es war schon spät am Nachmittag und es wurde
etwas dunkel. Aus ich weiß nicht welchem Grund sah ich nicht viel Menschen,
obwohl dies doch ein stark besuchter Ort ist, immerhin für die Gläubigen.
Ein Ort mit reicher Vergangenheit. Hör die Geschichte mal.
Im 13. Jahrhundert fand nach der Geschichte ein gerade zum Christentum bekehrter
junger Schafshirt aus dem Mohrenland eine dunkle Holzfigur der Heiligen Magd
in einer Felsspalte. Man brachte die Holzfigur in die lokale Kirche, aber dreimal
hintereinander kehrte sie wunderbarerweise in die Höhle zurück.
Dann verstanden die Dorfbewohner, dass es eine göttliche Botschaft war,
und bauten eine Kapelle auf dem Fundort. Die Kapelle wurde ein Kloster und der
Ort ein Pilgerziel, für Reisende aus der ganzen Welt. Offen gestanden ist
das Kloster mehr ein Hotel geworden mit Zimmern an Stelle von Zellen, aber die
erhabene Ruhe und Stille hängen noch immer in und um die Gebäude, die
Gärten, die großen Höfe und um das angrenzende Land. Der eminente
Dichter Costra i Llobera beschrieb schon im Jahre 1883 in Himne dels pelegrins:
"Mallorca bewahrt einen Schatz im innern Herzen ihrer Berge." Der
Name Llucc übrigens
soll vom lateinischen lucus stammen, was heiliger Wald bedeutet.
In dem kleinen Geschäft beim Eingang finde ich ein schönes Buch über
Lluc, mit diesen erkennbaren Fotos. Ich blättre flüchtig durch das
Buch und lese, dass es mit einer Geschichte über das Tal der Ulmen beginnt
(The Elmtrees at Lluc).
Auch hier wieder schöne Bücher, mit Poesie von Mönchen, über
den Glauben und die Gottesfurcht, über die Vertiefung, die eine Wanderung
oder Wallfahrt geben kann. Themen die auch Nicht-Gläubige ansprechen.
Über Licht und Farbe
Am nächsten Morgen, zurück am Schwimmbad, habe ich wieder Ruhe zu
lesen. Ein Meisterwerk von 960 Seiten, die sich alle auf Mallorca abspielen und
von dem niemand weniger als Thomas Mann behauptet hat, dass es das schönste
Buch je geschrieben sei. Wer bin dann ich?
Das Werk ist von Albert Vigoleis Thelen und heißt: Die Insel des zweiten
Gesichts. Er beschreibt in diesem Roman die Abenteuer von Beatrice und Vigoleis
auf der Insel Mallorca zwischen 1931 und 1936. Mit barocker, unerschöpflicher
Fabulierkunst erzählt Thelen auf schelmische Weise und mit dem sicheren
Untergang seiner Helden vor Augen über Schmuggler, Huren, zweifelhafte Einwanderer
und falsche Gentlemen.
Auf die Empfehlung von dem niederländischen Autor Maarten ´t Hart
in dem Magazin Vrij Nederland hin, habe ich das Buch gekauft mit dem Gedanken,
dass es noch schöner werden würde, wenn ich es auf Mallorca selbst
läse. Das ist auch der Fall, aber ich bin kein Kritiker und unterlasse hier
mein Urteil. Wohl will ich Sie die Art und Weise genießen lassen, worauf
Thelen die Sachen zum Leben ruft und sie beschreibt. Wie zu einer Hochzeit ein
Ring gehört, meint er, so gehört zu einer Insel die Inzucht. Da Mallorca
eine Insel ist, können wir genanntes Phänomen auch hier wahrnehmen.
Dann auf einmal springt er in einem Satz auf das Licht von Mallorca über.
Das Licht? Das wundert den Leser vielleicht, denn von inzüchtigem Licht
ist normalerweise keine Rede. Ich verstehe darunter die eigenartigen Lichtverhältnisse,
die entstehen, indem die verschiedenen Schattenformen sich vermischen. Schlagschatten,
und eigener Schatten, Kern- und Halbschatten paaren in gewissem Sinne und zeugen
auf diese Weise, aus dem Dunkeln, "die Mysterie des Insellichts" schreibt
Thelen.
Ich bin nach der Lektüre dieses Satzes erstmals eine Stunde spazierengegangen.
Das half nicht, denn ich spazierte in diesem Licht, dem berühmten mallorquinischen
Licht.
Hunderte von Malern aus allen Teilen der Welt trauten ihren Augen nicht, als
sie das zum ersten Mal erblickten.
Zurück bei Thelen lese ich: "Mehr als hundertsiebzig Tage heiter,
weniger als siebzig Tage Regen, vier oder fünf Tage Nebel pro Jahr, ich
halte mich genau an den Prospekten und ändere nichts aus eigener Erfahrung,
die wie jeder Schein trügt. Dies sind klimatologisch notwendige Bedingungen,
worunter das Wunder sich vollzieht und Erde und Himmel Farben hervorzaubern,
die mit ihrer augenblicklichen Patina alles in den Schatten stellen, wozu die
Natur sonst Jahrhunderte braucht."
Ich schlage das Buch zu, was Eindruck macht auf meine Umgebung mit einem Buch
von 960 Seiten. Wie kann man so etwas aufschreiben? Wie kann jemand sich so etwas
ausdenken oder wie kann jemand sich
überhaupt einer solchen Sache bewusst sein?
Mein Tag ist verdorben, während ich gerade einen der schönsten Gedanken
gelesen habe! Das kann nicht so gemeint sein, also gehe ich wieder spazieren.
Wenn dieser Thelen so weitermacht während 960 Seiten, wird das ein Marathonlauf
für mich, denn ich bin erst auf Seite 40. In der Zeit, dass ich im kleinen
Hafen herumschlendre, ersinne ich, dass das Licht hier auf Mallorca sich eigentlich
ständig bewegt. Das ist auch eine Möglichkeit es zu betrachten. Wie
der Wind, kommt das Licht auf dich zu, zu dir. Manchmal langsam und kaum spürbar,
manchmal schnell und überwältigend, wodurch man die Augen zu Schlitzen
zukneifen muss. Das Licht lebt, da es bewegt, es läuft. Dieser Gedankengang
macht mich wieder etwas fröhlicher und mein Selbstrespekt steigert sich
ein Wenig. Ich mache eine Reihe Fotos von Stillleben in und um den Hafen und
bemerke, dass sie alle Licht und Farbe zum Gegenstand haben. Die sanften und
nuancierten Farben der Mauern und der Landschaft wohl zu verstehen, nicht die
harten Farben der lokalen Tonware oder der Palette von Joan Miró, dem
spanischen Maler, der die 23 letzten Jahre seines Lebens auf Mallorca verbrachte
und da starb.
Die Ananaspalme
Meine Frau, die mit mir spazierenging um mich ein wenig zu trösten, ist
sehr beeindruckt von der Farbe der Felsen.
Es sieht so aus, als ob das rote Rot aus dem Stein liefe. Sie steht und starrt
lange. Ich nehme an, dass sie die Farbe studiert, um sie später zuhause
nachmalen zu können. Aber vielleicht steht sie da nur unter dem Eindruck
von der Felswand, die fast senkrecht aus dem Meer emporzuwachsen scheint.
Es ist sehr still und ruhig hier, obwohl wir noch keine zwanzig Meter von dem
kleinen Hafen entfernt sind, getrennt durch eine hohe braunrot gemalte Mauer.
Die Mauer scheint wohl zwei Meter dick, aber besteht eigentlich aus einer Reihe
von aneinander geschlossenen Schränken für Bootbesitzer. Nirgends kann
man jemanden erkennen. Zweitausend Boote, aber keine Menschen. Trotz der frühen
Morgenstunde beginnt die Hitze sich auszudehnen und wir beschließen rechtsumkehrt
zu machen. Auf dem Rückweg will sie gerne Kaffee. Die Kais mit den größeren
Jachten entlang, liegen fünf Gebäude hintereinander. Daneben ein kleiner
roter Platz eingeklemmt zwischen der Felswand, dem Hafen und den Gebäuden.
Der Platz wird dominiert von der Ananaspalme. Das ist natürlich nicht sein
wissenschaftlicher Name, aber so nenne ich ihn in Gedanken während des Vorübergehens.
Die Ananaspalme stand schon da, der Platz kam später. Wenn man gut schaut,
erkennt man, dass kein Entwerfer die Palme auf diesen Platz gezeichnet hätte.
Ich mache einige Fotos, denn die Form der Palme und ihr Schatten, die Form des
geparkten Autos und seine Geschlossenheit, das erste direkte Sonnenlicht des
Tages, welches hinter dem Felsen zum Vorschein kommt, alle zusammen geben sie
diesem Ort etwas Spannendes, als ob an diesem Tag etwas vorfallen werde. Die
Gebäude bestehen aus einem Geschäft mit sehr teuren, exklusiven Sonnenbrillen,
luxuriösen Sportwaren und überdesignten Tuben Sonnenschutzcreme; dahinter
eine unbestimmte Bankanstalt (in einem kleinen Hafen?), ein Verleihgeschäft,
ein Restaurant und eine Bar mit Café. Die Musik von 'Putting on
the Ritz' schallt durch die Luft und ist das Signal, dass das Café auf
hat. Dieses leicht ironische Remake des alten Smashhits von Irving Berlin lässt
uns vermuten, dass die Kolonie Engländer sich nicht weit von hier befinden
kann. Aber glücklicherweise schlafen die sich ihren Rausch noch aus, denn
nur eine Handvoll Menschen – alle deutlich englischer Nationalität,
bevölkert die Terrasse. Wir setzen uns etwas weiter, mehr hinein. Der Kaffee
ist wirklich vorzüglich, die Atmosphäre ist mehr als außerirdisch.
Vielleicht kommt das wegen der großen Boote, die hier fast alle zum Verkaufen
zu sein scheinen oder wegen der Tatsache, dass die Kais leer und verlassen im
Sonnenlicht daliegen und auf Bootgenießer oder Tagesmatrosen warten. Die
Dame am Tisch neben uns schreibt Briefe und macht das voller Hingabe, denn bei
jedem Satz lacht, singt, murmelt oder zischt sie laut auf. Der Mann weiter am
anderen Tisch tauft Croissants in seinen Kaffee mit Milch. Er schaut dabei, als
ob es eigentlich eine ganz merkwürdige Gewohnheit sei. Er lässt mehr
Croissants kommen und macht stur weiter. Deutlich ohne Geschmack oder Begeisterung
isst er sein spätes Frühstück. Wir schauen fassungslos zu.
Schließlich gibt es noch ein Ehepaar, das sich nur Fragen stellt. Bei jeder
Antwort, die einer der Beiden der anderen gibt, stellt dieser sofort wieder eine
neue Frage. "Warum würdest du das tun?", – fragt sie
zum Beispiel – "fischen
gehen, nachdem du geschwommen hast und dich bedacht hast, dass du keine Lust
zu einem Spaziergang haben wirst, denn es wird dann zu heiß sein und der
Gedanke, dass du gestern nicht ganz fit warst und einen Schwindelanfall hattest,
dich beklemmt?"
„Kennst du das Buch“ – antwortet er – " über
alle Fischarten des Mittelmeers, von diesem Koch?" "Soll
ich es dir kaufen?" – ist ihre Antwort. "Glaubst du,
dass ich nur Fisch fange, die in einem Buch steht?" – erwidert
er...
Die Briefdame kommt jetzt erst recht in Gang. Sie schöpft vier große
Löffel Zucker in ihren Kaffee und singt mit mit 'Putting on the Ritz',
das sich jetzt zum vierten Mal wiederholt: "If you’re blue and you
don’t know where to go, why don’t you go..."
Das war ungefähr die Situation als der Mann hereinkam. Er nahm keinen Platz,
sondern schob zögernd um unseren Tisch herum. Wir warteten auf unsere zweite
Kaffeebestellung. Er sah nicht englisch aus, war unverkennbar einheimisch. Plötzlich,
als wenn er einen Entschluss gefasst hätte, fragte er mich, warum ich draußen
von dem Platz Fotos gemacht habe.
Manchmal ist die Frage nicht zu beantworten. Ich dachte einen Moment, dass er
mich zum Narren hielt, oder vielleicht selber ein Wenig verrückt war, aber
er erweiterte unmittelbar in seinem gebrochenen Englisch, dass es sein Platz
war. Er hatte sich ihn ausgedacht, gezeichnet, entworfen. Und ob ich ihn schön
fände? Er zeigte auf eine eingerahmte Zeichnung an der Wand, etwas tiefer
in der Dunkelheit des Cafés. Aufgehängt an einen Ort, wohin niemand
je schaut. Was ist schöner: die Entwurfzeichnung oder der Platz selbst?
Eine schwierige Frage, denn sie sind ja zwei vom Gleichen. Genau so schwierig
wie die Frage: Was ist nun schöner, der Platz selbst oder später das
Foto von diesem Platz? Das eine existiert ohne das andere, das andere aber nicht
ohne das eine. Ist es vielleicht doch der Platz, der auch in den Wintermonaten
ein Wenig verlassen, ohne Menschen oder Autos, ein Wenig vergessen an der Felswand
müßig daliegen kann? Oder ist es doch das Foto, das für immer
das Bild mit dem spezifischen Licht und mit der Dramatik dieser Schatten festhält?
Das klassische Dilemma zwischen dem Jetzt und dem Sogleich. Denn der Fotograf
wird weitergehen und vergisst sein schönes Foto, der Besitzer fährt
sein Auto irgendwoandershin und die Sonne geht später wieder unter. Alles
ist dann weg, nur der Platz nicht. Der Platz bleibt. Ist dieser Platz stark genug,
ohne ergänzende Elemente fesselnd zu bleiben?
Manchmal begegnet man ihnen wohl, den kleinen Plätzen. Plätze die genau
so geworden sind, wie sie hätten werden sollen. Für immer unvollendeter
Futur. Sie sind schon geworden, was sie heute für noch niemand hätten
sein sollen. Das liegt nicht an der Ananaspalme, denn die stand schon da, und
auch nicht an dem Entwerfer. Es liegt an nichts und niemandem. Es passiert einfach.
Manchmal nicht vorherzusagen, wo oder wann oder warum. Ohne die Palme wäre
es nichts geworden mit diesem Platz, aber ohne das Auto auch nicht. Der Herr
des Autos weiß das anscheinend sehr gut, denn jeden Tag parkt er sein Auto
am selben Fleck und lässt er die herrlich gebogenen Palmblätter sich über
sein Auto wölben. Scheinbar weiß die Sonne es auch genau, denn jeden
Morgen strahlt sie über die Felswand hinunter auf den Platz.
Der Entwerfer ist vielleicht der einzige, der es nicht weiß, aber doch
wäre es ohne ihn auch nichts geworden. Er hat die Krümmung der Palme
in die Formgebung durchgesetzt. In der krummen Linie liegt vielleicht wohl die
Antwort auf die Frage. Es ist die Spannung des Bogens, worin alles zusammenkommt
und worin der Platz seinen wahren Sinn erhält.
Es ist die Spannung, die eine Geschichte bei den Menschen aufruft, die über
den Platz gehen. Wie gerade bei mir geschah. Das war der Grund, warum ich ein
paar Fotos machte. Ich spürte die Spannung von etwas, das noch passieren
musste und wollte ein Bild machen von dem Ort, bevor das Passierende stattgefunden
hätte. Wenn es überhaupt schon passieren würde. Was niemand noch
wusste. Um die Spannung mitnehmen zu können, auf einem Foto; um später,
zuhause, kontrollieren zu können, ob ich es damals richtig gefühlt
hatte. Ein Foto ist darin immer rücksichtslos. Man spürt eine Geschichte
oder man spürt gar nichts. Das kann jede Sorte von Geschichte sein, über
die Palme, über das Auto, über den dunklen Fels, über die roten
gestutzten Pfähle oder über die Krümmung des Platzes. Vielleicht
wartet wohl jemand von der CIA im Auto oder vielleicht hat die Palme vor einigen
Jahren als Verzierung gedient als der König von Spanien hier vorbeikam?
Ich weiß es nicht, aber ich kann nicht anders als in jenem Augenblick ein
Foto von diesem Ort machen. Aber wie soll ich das diesem Herrn erklären,
der diesen Platz aus einem vielleicht total anderen Grund entworfen hat?
Ich sagte, dass ich ihn sehr schön fand, aber die Fotos eigentlich von der
Palme waren. Er nickte enttäuscht und meine Frau sah mich enttäuscht
an. Ich fühlte mich enttäuscht über mich selbst.
Schluss
Es ist eine Minute zwanzig her, seit das Flugzeug sich vom Boden des Flughafens
von Palma de Mallorca losmachte. Statt dass ich das Gefühl bekomme immer
weiter aufzusteigen, um den Luftraum über den Balearen zu verlassen, habe
ich den Eindruck, dass wir hängen bleiben.
Die Maschine macht eine Vierteldrehung um ihre Achse, so dass alle Passagiere
nach rechts durchhängen. Durch die kleinen Fenster kann man die Insel sehen.
Heiter und klar, als ob der Pilot mich ein letztes Mal mit der Nase auf die Tatsachen
stoßen will: Dies ist es, vergiss es nicht.
Einzelheiten sind deutlich sichtbar. Bäume, Plätze, Straßen und
Türme. Windmühlen, Fenster, Boote und Autos. Ein letztes Mal sehe ich
all diese Farben, die zusammenschmelzen zu der unbenennbaren Farbe von Mallorca.
Ganz bis hier, in die organisierte Kühle des Flugzeugs ist die feuchte Hitze
der Insel noch immer spürbar. Ich sehe von hier oben alle Fotos, die ich
gemacht habe, zu einem großen Ganzen zusammenfließen und wieder zur
Totalität gehören, aus der ich sie kloniert habe.
Gerade im Taxi fuhr ich da noch ganz unten, mittendrin, aber jetzt ist der
Anschluss weg. In wortwörtlichem Sinne dann. Es war der meist dramatische
Abschied einer Reise je für mich. Nach all diesen Tagen von unabgebrochen
heiterem blauem Himmel, färbte der Himmel sich schiefergrau und begann zu
drohen. Das so berühmte Licht verschwand und alles wurde in eine Dimension
zusammengewälzt. Der Wind brach plötzlich los vom Himmel und fiel hinunter.
Die Bäume wurden wahnsinnig. Das las ich mal bei Luis Borges und ich verstand
erst jetzt was er meinte. In der nächsten Minute riss alles auf und fiel
der Hagel wie ein Vorhang hinunter. Nichts bewegte sich noch in diesem Augenblick,
außer dem Blitz und dem Widerhall des Donnerkrachens. "Not since
50 years", stammelte der Taxifahrer, "not in august, not since
50 years..." Ich fühlte mich nicht nur diesem Mann verbunden,
sondern auch glücklich, denn ab jetzt gehörte ich zur Geschichte von
Mallorca. Zusammen mit ihm und mit allen Menschen dieser Insel waren wir Zeuge
eines Ereignisses, das nur einmal in fünfzig Jahren stattfindet.
Michel Lafaille
augustus 2004 |